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Es gibt Bilder, die scheinen aus einer fernen Vergangenheit zu stammen – und zugleich eben erst aufgetaucht zu sein. Raymond Gantners Arbeiten gehören zu diesen eigensinnigen Bildern. Sie kreisen um Objekte, Räume, Landschaften und die Spuren, die Menschen darin hinterlassen haben.

In seinen frühen Serien zu Interieurs und Landschaften wird aus ausrangiertem Mobiliar verlassener Zimmer und den Randzonen des Münchner Umlands das Rohmaterial für einen alchemistischen Prozess in der Dunkelkammer. Dort verwandeln sich diese Fundstücke in hybride Räume und futurale Städteszenarien, in urbane Landschaften, denen durch Experimente mit Licht, Chemie und Filtern jede feste Verortung entzogen ist. Gantner sucht nicht einfach nach einem Motiv – er schafft Bedingungen, unter denen ein Bild überhaupt erst Gestalt annehmen kann. Im Zentrum steht das Spannungsfeld zwischen dem Sichtbarwerden und dem Verschwinden von Struktur.

Als Maler und Bildhauer ausgebildet, knüpft Gantner an die Experimentierlust der frühen Fotografie an, an eine Zeit, in der das Medium noch nicht völlig beherrschbar war und der Zufall als Mitspieler galt. Kontrolle interessiert ihn nur bedingt: Er hält sie durchlässig, lässt Fehler zu, macht Schmutz und Hintergrundrauschen sichtbar – all das, was technische und chemische Prozesse sonst zu verbergen suchen. Fotochemie dient nicht mehr nur der Reproduktion, sondern wird wie Farbe eingesetzt; die Grenzen zwischen Fotografie, Druck, Zeichnung und Skulptur beginnen zu verschwimmen.

In „Singularität“, seiner Ausstellung bei Anna25 in Berlin, treibt Gantner dieses Feld weiter aus. Die Bilder wollen nicht länger die Welt illustrieren, sie kehren vielmehr als Störungen in sie zurück. Die Arbeiten wirken kompakt und verletzlich zugleich, von Zeit gezeichnet, als trügen sie Nachbilder in sich, die sich der Realität widersetzen. Die Ausstellung durchquert einen unlogischen Zeitraum: zerschneidet, montiert, entstellt, setzt in Bewegung und friert wieder ein. Es entstehen Bildkörper, die wie Fragmente einer zukünftigen Archäologie wirken – Aufnahmen, die weniger etwas zeigen, als die Erfahrung von Zeit, Reibung und Überlagerung verdichten. Aus der Reibung von Fotografie, Malerei und Skulptur formt sich eine Bildsprache, die nicht auf das „richtige“ Motiv zielt, sondern auf ein Sehen, das Ambivalenz aushält.

Jedes Werk entsteht halb aus Apparatur, halb aus körperlicher Arbeit: Zerschneiden, Collagieren, Belichten, Schichten, Löschen, erneutes Einschreiben. Negative werden segmentiert, überlagert, wieder zusammengesetzt, bis sich ein eigenes Bildbewusstsein in ihnen regt. Zwischen der Mechanik des Geräts und der Geste der Hand, zwischen Distanz und Nähe, spannt sich eine eigentümliche Energie. Nichts ruht. Die Bilder bleiben im Schwebezustand zwischen Werden und Vergehen, als wollten sie einem endgültigen Zustand entkommen. Statt Momentaufnahme entstehen Zeitfalten, in denen mehrere Zustände gleichzeitig präsent bleiben.

Über diesen Oberflächen erscheinen häufig – fast schwebend – geometrische Formen. Sie erklären nichts, kommentieren nichts; sie treten als Verschiebungen ein, als Schatten von Bedeutung. Wie Fragmente einer Struktur, die ihre Form vergessen hat, durchziehen sie das Bildfeld, schneiden als harte Linien in weiche Übergänge und öffnen in ihrer Opazität eine zweite Ebene. Form und Struktur tauschen die Rollen: Was Halt versprach, wird ungewiss; vermeintliche Fehler tragen die Spannung. Das Bild richtet den Blick auf sich selbst zurück.

Diese Formen zu betrachten heißt, Verzögerung auszuhalten. Nichts präsentiert sich auf den ersten Blick. Das Auge muss sich an die Stille zwischen den Fragmenten gewöhnen, an den schwebenden Rhythmus der Komposition. Gantner deutet damit an, dass ein Bild heute nur überleben kann, wenn es sich dem schnellen Zugriff entzieht – wenn es Widerstand leistet gegen die glatt konsumierbaren, jederzeit verfügbaren Bilder unserer Gegenwart. Seine Fotografien verweigern die sofortige Lesbarkeit und bestehen darauf, dass Sehen eine Zeitfrage ist. Darin liegt ihr zeitgenössischer Kern: Das Bild behauptet seine eigene Dauer gegen den Takt der Bildströme.

Was begegnet uns also in „Singularität“? Keine glatten Prints, die nahtlos in digitale Feeds übergehen, sondern physische Bildobjekte: Fotografien, Fotogramme, deren Materialität spürbar bleibt, deren Oberflächen Kratzer, Staub und chemische Schatten tragen. In den Händen halten wir Unikate, Ergebnisse eines Prozesses, in dem das Motiv nie wichtiger ist als das Zusammenspiel von Medium, Material und Entstehung. Die Arbeiten zielen nicht auf eine eindeutige Aussage – sie bleiben durchlässig, testen unsere Bereitschaft, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Ihre Stärke liegt in dieser Doppelheit: Sie sind zugleich schwer von Bedeutung und zerbrechlich im Moment, als könnten sie jederzeit zerfallen – gerade das macht ihre Präsenz so eindringlich.

Auch jenseits der Fotografie arbeitet Gantner seriell, mit Schichtung und Überlagerung – etwa in Siebdrucken, Holzobjekten oder kinetischen Skulpturen, in denen das Prinzip des Übereinanderlagerns in den Raum übersetzt wird. So entsteht ein Werkzusammenhang, in dem die Medien einander kommentieren und unterlaufen. In „Singularität“ bündelt sich dieser Dialog im fotografischen Bild: als Bildfläche, als Spur eines chemischen Ereignisses, als Träger imaginärer Architekturen.

Damit lässt sich Gantners Position klar in der Gegenwart verorten. In einer Zeit unendlicher Reproduzierbarkeit und Bearbeitbarkeit beharrt er auf dem einzelnen Bild als Ereignis – als Singularität, die sich dem Strom entzieht. Seine Arbeiten fragen, was ein Bild heute sein kann, wenn es mehr sein will als Illustration oder Information: ein Ort des Nachhalls, der Störung, des tastenden Denkens. „Singularität“ zeigt Raymond Gantner als Künstler, der Fotografie nicht als abgeschlossenes Medium versteht, sondern als offenes Feld, in dem sich Malerei, Skulptur und die Geschichte der technischen Bilder kreuzen. Seine Werke wirken wie kleine Gravitationsfelder: Sie ziehen den Blick an, verschieben unsere Koordinaten und entlassen uns ohne endgültige Deutung. In dieser Unruhe – im Schwebezustand zwischen Bild und Welt – liegt ihre eigentliche Tragweite.